Liepgarten - ein Ort mit vielen Traditionen

Liepgarten kann im Vergleich zu anderen Orten der näheren Umgebung auf eine relativ lange Siedlungsgeschichte zurückblicken. So existierte der Flecken unter der Bezeichnung lipa gor bereits in wendischer Zeit und wurde dann im Zuge der frühen deutschen Ostexpansion germanisiert. Der  Name "lipa gor" bedeutet "Lindenberg" und dürfte im Zusammenhang mit der Lage des Ortes am Apothekerberg gesehen werden. Über die Bezeichnung Lipagardt entwickelte sich der heutige Ortsname. Interessant ist der häufige Besitzerwechsel des Dorfes. Als wendisches Dorf war Liepgarten Eigentum des Fürsten. Als Ueckermünde jedoch im Jahre 1270 Stadtrecht erhielt, ging es durch herzogliche Schenkung in deren Besitz über. Aber schon 1496 trat die Stadt unser Dorf wieder an den Herzog ab, so dass es fortan wieder zum Amt Ueckermünde gehörte. Die Bewohner betrieben in jener Zeit vorwiegend Ackerbau und Viehzucht und waren Leibeigene. Das bedeutet, dass sie persönlich unfrei waren und ihren Hof nicht verlassen durften. Es waren Abgaben zu entrichten und Hand- und Spanndienste zu leisten. Dieses geschah auf dem Gut Neuhof. Im ungünstigsten Fall konnten die Familien sogar mit dem Hof verkauft werden. Zu den Pflichten des Grundherren gehörten die Errichtung und Erhaltung der Gebäude sowie das Stellen von Saatgetreide und teilweise des Viehes.

Seine erste Blüte erreichte die Ansiedlung bereits vor dem 30-jährigen Krieg (16l8 bis 1648). Überliefert ist, dass Liepgarten vor dem großen Kriege 17 Bauern mit 72 und 4 Kossäten (Tagelöhner, d.A.) mit 16 Pferden und Ochsen hatte." Der furchtbare Krieg mit wechselnder 'Besetzung durch Kaiserliche und Schweden sorgte dafür, dass Liepgarten zeitweise unbewohnt war.

Im Laufe der Zeit erholte sich mit der gesamten Region auch diese Siedlung, was die Existenz von ca. 10 Bauernfamilien um I7OO beweist. In dieser Zeit entwickelte sich mit der Teerbrennerei ein weiterer Erwerbszweig in Jädkemühl nahe der heutigen Försterei und dem ehemaligen Anwesen der Familie Kleinsorge (heute Thiele). Mit den Jahren entwickelte sich Liepgarten stetig weiter, was zweifellos durch die unmittelbare Nähe zu Ueckermünde und das Entstehen neuer Gewerbszweige begünstigt wurde. Einer davon war der Anfang der Ziegelindustrie. Viele Einwohner (1895 waren es 1072) fanden Arbeit in den umliegenden Ziegeleien, von denen zumindest drei im Ort betrieben wurden, was durch die Existenz mehrerer Tongruben (Volksmund: Erdkuhlen) bewiesen wird. Vom Erblühen dieses Wirtschaftszweiges zeugen heute noch die Reste des Brennofens sowie der Schornstein, auf dem heute Weißstörche nisten, gegenüber der Kolonienstraße. Die zweite Ziegelei befand sich abseits der Hege hinter dem Grundstück Ehrke und die dritte neben dem Grundstück Rutter unmittelbar am Apothekerberg. Der Ton wurde im Winter gestochen und in der wärmeren Jahreszeit bearbeitet, getrocknet und gebrannt. Der Liepgartener Ton erbrachte rote Ziegel im Gegensatz zu dem östlich der Uecker, dessen gebranntes Endprodukt gelb war. Für mehrere Jahrzehnte waren auch die Kahnschiffer relativ zahlreich in Liepgarten vertreten. So zählte der Ort um 193O etwa ein gutes Dutzend Kahnschifferfamilien zu seinen Bewohnern. Besitzer seien mit W. Richter, W. Brauns, W. König und Fritz Heidschmidt hier genannt. Übrigens wurde durch Fritz Heidschmidt mitte der 30 er Jahre nach Aussage von H. Stoecker der letzte Kahnneubau bei einer Ueckermünder Werft in Auftrag gegeben. Von großem Interesse waren die Kahnschifferumzüge alljährlich im Januar mit anschließendem Ball, auf dem es immer hoch her ging, in der Gastwirtschaft Pansegrau (Ecke Ueckermünder Str. / Breite Straße). Die letzte derartige Feierlichkeit fand 1940 statt.

Prägend für das Ortsbild sind die so genannten Gründerzeitbauten, von denen es mehr als zwanzig im Dorf gibt. Die meisten von ihnen sind gut erhalten und wurden in einer Fotodokumentation vom Architekten R. Plewe zusammengestellt. Diese ist überaus sehenswert. Beispielgebend sind z.B. die Häuserfassaden der Familien Kwiatkowski, Steingräber und Braun (alle in der Mühlenfeldstraße).Im Ortskern sind das Gemeindehaus, das auch die Kita beherbergt, die Kirche und das Pfarrhaus dominierend. Letzteres wurde im 3O-jährigen Krieg zerstört und I706 wieder aufgebaut. Das heutige Pfarrhaus wurde 1780 errichtet und behielt trotz mehrerer Rekonstruktionen den Stil des friderizianischen Bauernhauses. Inzwischen befindet sich dieses Gebäude in Privatbesitz und wird auf traditionelle Art erneuert.

Typisch für Liepgarten ist die lang gezogene Form der Ortschaft und ihre Zersplitterung in mehrere Teile. Der Ortsteil Jädkemühl führte ursprünglich die Bezeichnung "Gödeke Möhlen" (Gödeke war früher ein in der Küstenregion verbreiteter Name). Die Existenz einer Mühle scheint wahrscheinlich, ist aber nicht belegt. Die Bezeichnung "Kirchenbruch'' ist sicherlich auf Besitzverhältnisse zurückzuführen. "Starkenloch"  war einst eine von vielen Holländereien in unserer Gegend. Von der Existenz der dritten Holländerei Liepgartens neben den bereits erwähnten künden heute im Wald zwischen Meiersberg und Liepgarten noch die Reste alter Gemäuer sowie ein verwilderter Obstgarten. Dieser Ort trägt den Namen "Hühnerkamp" und lädt Wanderer zu einer romantischen Rast ein.

Das Mühlenfeld verrät, dass hier früher einmal eine Mühle existent war. Sie befand sich zwischen Mühlenfeldstraße und Liepgartener Straße auf dem Grundstück der Familie Wesener. Der letzte Besitzer war seit 1925 Hermann Blankenburg, bevor die Mühle 1926 während eines Gewitters abbrannte. Noch heute ranken sich Legenden um dieses Ereignis. Auch einige Flurnamen sollen in dieser Abhandlung Erwähnung finden. Die "Kümmernis" befindet sich hinter dem Apothekerberg und war vor Zeiten ein Sumpfgebiet. Der "schiefe Berg" (schewe Barch) als höchste Erhebung des Kreises war vor allem unter der Bezeichnung "Apothekerberg" geläufig, kaufte doch der Ueckermünder Apotheker Wegener hier einst Ackerstücke. Leider ist von seiner ursprünglichen Form (steilabfallende Südseite, sanft auslaufende Nordseite) durch den Abtransport großer Teile des Südhanges zum Deichbau nicht mehr viel zu sehen.

Das "Weiße Moor" trennt Jädkemühl und Starkenloch. Durch Entwässerung war der Namensgeber, das weiße Wollgras, fast verschwunden. Eine Initiative zur Renaturierung durch die Arbeitsgruppe Umweltschutz fand große Unterstützung und führte dazu, daß jetzt bereits wieder zur Blütezeit große weiße Stellen sichtbar sind. Das weiße Moor wird vom "Keenappelgraben" durchzogen, nach der Bezeichnung eines Teiles der Ueckerwiesen benannt. Auch der Name "Kühlscher Graben" ist nach seinem Schöpfer, dem Oberförster Kühl, geläufig. Das Bauernbruch (Buernbrook) erstreckt sich östlich des Ortes.

Der Ziegenberg "Zickenbarch", südlich des Friedhofes gelegen, hat seinen Namen nicht diesem Tier zu verdanken. Zecken, wie man früher nicht nur Holzböcke, sondern auch andere Insekten nannte, führten zu dieser Bezeichnung. Gegenüber dem ehemaligen Forstamt hinter dem Friedhof erstreckt sich, dicht bewaldet, der wegen seiner Form so bezeichnete "Königsberg" (hornförmig, von "Hörning"). Eigentlich ist dieser dicht bewaldete Hügel eine Parabeldüne.

Über den Zeitraum mehrerer Generationen prägte die alte Pflasterstraße das Ortsbild, mit der viele eine Art Hassliebe verband und die 1993 abgetragen wurde. Das Pflaster fand bereits in Nebenstraßen, die vorher nicht befestigt waren, Verwendung und soll auch in Zukunft diesen Zwecken dienen. Auch die Reste der die Ortsdurchfahrt zierenden Rotdornallee sind zur Blütezeit ein eigenwilliger Schmuck und sollen zu alter Schönheit zurückgeführt werden. Zu diesem Zweck wurde ein Begrünungsplan für die gesamte Ortslage erstellt.

Dem objektiven Betrachter werden die großen Fortschritte deutlich, die der Ort in jüngster Zeit durch das Engagement vieler Bürger gemacht hat. Bleibt die Hoffnung, dass sich die Liepgartner stets ihrer weit in die Vergangenheit zurückreichenden Traditionen bewusst sind und diese im Rahmen der Möglichkeiten bewahren.

Ernst Heidschmidt unter freundlicher Mithilfe von Herr W. Radloff und Frau E. Brauns
Literatur : Kleinsorge Fritz


siehe auch:
www.iugr.net
www.m-vp.de
www.ueckermuende.de
www.pommerschegeschichte.de